Anekdoten

Eine Anekdote aus den 30er Jahren weiß zu berichten, dass ein Berliner Autofahrer in seinem Fahrzeug partout den Innenhof der Fleether Mühle überqueren wollte, um nach Fleeth zu gelangen. Der von ihm angesprochene Bedienstete der Fleether Mühle bat den Autofahrer, die noch heute existierende Katzenkopfstraße am Eckhaus vorbei zu nutzen, so würde er nach Fleeth kommen, ohne über den Hof fahren zu müssen. Der Berliner aber ließ den Hausherren herausrufen und zeigte ihm die auf seiner Karte exakt eingezeichnete Route über den Mühlenhof. Er bestand auf dieser Route, und der Mühlenbesitzer Otto Krüger musste ihm die Tore öffnen.

In den 50ger Jahren stand mitten auf dem Hof eine riesige Kastanie. In ihrem Schutz hatte der Hofhund "Luchs" sein Domizil. Es soll ein großer grau-schwarzer Schäferhund mit friedlichem Gemüt gewesen sein, so dass selbst ein Kind in seine Hütte kriechen konnte. Sah er Jemanden über den er sich freute, zog er seine Hundehütte an der Kette quer über den Hof zu jenem Menschen. Erst wenn er am Ziel angekommen war, merkte er, welch ein Gewicht er mit sich schleifte.

Inhaber der Fleether Mühle war Ende der 40er Jahre ein Herr Gericke, sein Verwalter hier war Ludwig Leininger, später Karl Giertz. Dessen Nachfolger um 1952 als Direktor des Volkseigenen Gutes hieß Alfred Rakow, und von diesem sind zwei Anekdoten überliefert: Frühmorgens betrat er die Mühle und traf dort auf Meisterbauer K. Rakow schüttelte ihm fest die Hand und sagte zu ihm auf Plattdeutsch: "Dat is dat ierst Orslock, den'n ich hüt de Hand gäw!" Dann verschwand er feixend. Der Meisterbauer sah den Müller groß an: "Wecker wier dat denn?" Der Müller antwortete: "Das war unser Chef." Der Kommentar des Meisterbauern ist nicht überliefert.

Alfred Rakow war ein freundlicher, aber eben auch resoluter Dienstherr. Eines schönen Morgens kam er wieder in die Mühle und traf dort den Arbeiter W. der wiederholt zu spät zur Arbeit erschienen war, so auch heute. "Wat kümmst du allwedder tau spät?" schnauzt Rakow ihn an. "Ick müsst noch schieten, dunn künn ick ierst kamen!" antwortet ihm der Arbeiter W. Darauf Rakow: "Dunn gah früher schieten! Un nu af in't Büro mit di! Hal di diene Poppiere!" Somit konnte Arbeiter W. fortan "schieten", wann er wollte.

Auch von Karl Giertz ist eine kurze Anekdote überliefert, und außer "Luchs" gab es auf Fleether Mühle wohl noch mehr Hunde. Einst kam Karl Giertz in die Küche, die Frauen waren gerade beim Abwaschen des Frühstücksgeschirrs. Er kurz: "Hewwen dei Hun'n schon wat? (Haben die Hunde schon was?)" Eine Küchenfrau: "Nee!" - "Denn ward dat äwer Tied!" Vernehmlich schloss Giertz die Tür.

Es gab übrigens auch eine Küchenfrau, die sich den Kaffeegrund aus den Tassen der Arbeiter zusammen mischte, Zucker dazu tat und dies dann mit dem Löffel aufaß. Selbige Küchenfrau kam eines Tages in die Mühle, wo ja auch eine Waage war, und wollte sich "wägen lassen". Otto M. der gutmütige breitschultrige Mitarbeiter des Meisters, lud sie ein, auf die Kornwaage zu klettern. "Na, denn stig man rupp!" Er stellte die Gewichte ein und wurde immer verwunderter. "Weitst du, wat du wägen deihst?" fragte er sie. "Ne!" - "Twei Zentner, tweiundvierzig Pund!" Das waren 121 Kilo für eine Dame mit einem Meter sechzig Größe. Aber die Frau hatte Kraft! Sie hob eine andere größere Frau mit einem Griff auf den Kutschbock - und ihrem Nachbarn stand sie so öfter zur Seite, wenn er "kräftig getankt" hatte und in die Horizontale geriet. Als sie Mitte der 60er beerdigt wurde, mussten die Träger sich sputen, Sarg und Verstorbene rechtzeitig auf sicherem Grund abzusetzen, Sie war eine gute Frau und hätte einen Eichensarg verdient gehabt, aber den gab es nur sehr spärlich in der DDR.

Alfred Rakow als Direktor folgte Florian Berger, der ein recht cholerischer Mensch gewesen sein soll. Nach ihm kam Rudolf Winkel, ein leidenschaftlicher Zigarrenraucher, dem es nichts ausmachte, wenn Nebel sein Büro verhüllten. Manchmal, wenn er abwesend war, öffnete die Kaderleiterin (Ausbilderin) seine Fenster weit. Wenn er dann zurückkam, konnte er wunderbar auf plattdeutsch schimpfen, so auch auf "de Ollsch, de wedder de Finster sperrangelwiet upräten hätt". Er war der Chef bis 1990.